Nora Zorn beschreibt die Flucht der Donauschwaben Ende des 2. Weltkrieges aus der Sicht eines Kindes. Sehr eindrucksvoll schildert sie das Leben in dem kleinen Dorf, in dem sie zur Welt gekommen ist, und die Menschen, die dort lebten. Für ihre etwas ältere Schwester und sie ist es ein wahres Kinderparadies, in das jedoch nach und nach die Realität des Krieges zieht. Die Leute, die ihre Mutter und Großmutter besuchen, sprechen oft aus, was sie über Hitler und den Krieg denken. Dadurch muss Nora schon sehr früh lernen, was sie in der Öffentlichkeit sagen darf und was nicht.
Ende 1944 ist es dann soweit, auch Noras Familie muss aus der Heimat flüchten und alles zurücklassen, was sie sich in Generationen aufgebaut hat. Der Vater ist seit Jahren im Krieg, also muss die Großmutter mit der kranken Mutter und den beiden kleinen Mädchen die Flucht allein bewältigen. Für Nora ist diese Flucht ein gewaltiger Einschnitt in ihrem Leben. Nach wochenlanger Fahrt in Güterwaggons, die sie immer wieder wegen Fliegeralarm verlassen müssen, beginnt für die Familie ein Leben in Übergangslagern und Behelfswohnungen.
Mit ‚Das Kind unter dem Tisch’ hat Nora Zorn ein Stück Zeitgeschichte geschrieben, das nicht nur Menschen, die Flucht und Vertreibung erlebt haben, sondern auch die ‚Nachgeborenen’ interessieren wird.
L e s e p r o b e:
Es war sehr plötzlich sehr kalt geworden, wie das dort im jugoslawischen Land immer war. Erst sehr heiß, dann von einer Nacht zur anderen sehr kalt. Die Kinder mussten nun jede Nacht in voller Kleidung ins Bett gehen, die Schuhe sehr gerade vor das Bett stellen, das Rucksäckchen daneben und noch eine Garnitur Unterwäsche und Strümpfe zusätzlich überziehen. - Und die Mutter sagte zu ihnen, dass sie ganz schnell den frisch gestrickten Wollanzug darüber ziehen und in die Schuhe schlüpfen sollen, wenn sie sie in der Nacht vielleicht weckt. Und das Rucksäckchen auf den Rücken und das Gesangbuch nicht vergessen, weil da die Familienbilder drinnen sind.
Und eines frühen Morgens rüttelte jemand am Rollladen und rief: "Es ist so weit" - und "in Fünfkirchen (in Ungarn) steht der letzte Transport", der euch "heim ins Reich" fahren kann.
"Schnell", sagte die Großmutter, "wir müssen über die Donau." Das ist ein großes Wasser und das Kind wollte es immer schon sehen. "Aber heute nicht", sagte es, denn es regnete und schneite ganz durcheinander und die Säcke, Kinder, Katzen und Kisten draußen vor dem Haustor wurden schon alle ganz nass.
Und der Tag ging vorbei und sie standen immer noch vor dem Tor. Es kamen Verwandte, Nachbarn und die Schwestern aus dem Kloster. Sie weinten alle und sagten "Behüt’ euch Gott" und machten den Kindern ein Kreuzzeichen auf die Stirn. Und es kam der Doktor. Die Großmutter weinte nun auch und sagte: "Um Gottes willen Herr Doktor, wir müssen doch fort", und der Doktor sagte, dass er die Mutter ganz schnell gesund machen wird. Und das Kind lernte ein neues Wort dazu und das hieß "Herzanfall" und "Nerven".
Es wurde dem Kind und der Schwester langweilig und es war gut, dass nun der schon ziemlich alte Cousin kam und sagte: "Kommt, wir spielen mit Mucki, er wird euch vermissen", und er sagte auch noch: "Wir kommen nicht mit. Der Vater sagt, dass er die Mühle nicht verlässt und dass wir keine Schuld haben und uns keiner was vorwerfen kann." - An diesem Tag lernte das Kind wieder neue Sachen: Rache, Vergeltung, Schokatzen (?) und "Rückzug" und "Wolgadeutsche". Das waren die Menschen, die plötzlich auch im Haus gewesen waren bis vor ein paar Tagen. Wolgadeutsche. -
Am späten Nachmittag kam ein Mann und rief: "Jessas, Maria, Josef, ihr seid ja immer noch da". Und "hat man euch nicht rechtzeitig Bescheid gesagt?" Und Großmutter sagte, dass der Lastwagen, der uns mitnehmen sollte und der einige Speckseiten gekostet hat, nicht gekommen ist. Und der Mann war wie verrückt und sagte: "Alle Ortsausgänge sind schon abgeriegelt. Es gibt kein Durchkommen mehr für "Deutsche" und dass er schauen will, was sich machen lässt.
Mutter wurde aus dem Haus geholt und auf die Kisten gelegt und Mucki die Katze legte sich dazu. Mucki der Hund war außer sich, er rannte hin und her und hin und her und piepste.
Und endlich kam ein Auto. Alle Kisten, Säcke, Kinder und die Mutter wurden darauf gepackt und das Auto hatte kein Dach. Es regnete und schneite immer noch. Und Mucki, der Hund, rannte hinter dem Auto her, bis man ihn nicht mehr sehen konnte. Und noch vor der Brücke über die Donau ging die Großmutter verloren, weil sie, als das Auto durch das österreich-ungarische Heimatdorf gefahren war, wo sie geboren wurde, noch schnell ein paar Verwandte mitnehmen wollte.