Die zehn Frauen, die in diesem Buch zu Worte kommen und ihre Geschichte erzählen, haben eines gemeinsam: sie haben es geschafft, sich aus einer traumatischen Kindheit, aus Abhängigkeit und Angst, aus Schuld und Selbstzweifeln, aus religiösen Zwängen und über Grenzen hinweg zu befreien.
Da sind zum Beispiel Sonja, die ihrem Mann aus Liebe nach Saudi-Arabien folgte; die Griechin Chriso, deren Liebe zu Abdul gegen alle Regeln verstößt; Anna-Lena, die sich in einen Mann verliebt, der sie nur ausnutzt; Hannah, die in einer strengen Sekte aufwächst und Theodora, deren Fehler es war, als Mädchen auf die Welt gekommen zu sein.
Leseprobe:
Flucht ins Glück
Den größten Teil meines Lebens habe ich in Deutschland verbracht. Mein Vater kommt aus einer einflussreichen saudischen Familie. Vor achtundzwanzig Jahren lernte er in Berlin, wo er studierte, meine Mutter kennen. Sie verliebten sich ineinander und heirateten. Nach zwei Brüdern kam ich auf die Welt. Damals lebten wir für kurze Zeit bei meinen Großeltern in Riad. Drei Monate nach meiner Geburt kehrten wir nach Berlin zurück. Mein Vater beendete sein Studium und nahm einen Posten in der saudischen Botschaft in Bonn an.
Wir führten ein glückliches Familienleben. Meine Eltern liebten einander sehr. Wir Kinder besuchten die Internationale Schule und hatten dort viele Freunde. Saudi-Arabien war das Land unserer Ferien. Wir liebten die Besuche bei unseren Großeltern und unseren Vettern und Cousinen. Ich war noch zu klein, um darüber nachzudenken, dass die Mädchen einen Schleier tragen mussten, sobald sie in die Pubertät kamen.
Einige Jahre nach dem Fall der Mauer zogen wir nach Berlin. Ich war inzwischen zwölf und durfte das unbekümmerte Leben eines Teenagers führen. Mir fiel nur auf, dass mein Vater, der sich früher kaum um meine Freunde gekümmert hatte, plötzlich viel Wert darauf legte, genau zu wissen, mit wem ich meine Zeit verbrachte.
Zu meinem dreizehnten Geburtstag sollte es eine große Party geben. Zu meiner Überraschung verlangte mein Vater die Namen der Kinder, die ich eingeladen hatte. Alle Jungen wurden von der Einladungsliste gestrichen. „Ab jetzt darfst du dich nicht mehr mit Jungen treffen, Layla“, sagte er. „Das Höchste, was ein Mädchen besitzt, ist sein guter Ruf. Was soll dein zukünftiger Mann von dir und unserer Familie denken, wenn er erfährt, dass du dich mit Jungen triffst?“ Er nahm mich in die Arme. „Gerade in Familien wie der unseren ist der gute Ruf sehr, sehr wichtig.“
Ich beschwerte mich bei meiner Mutter, stieß dort allerdings auf taube Ohren. Sie war schon vor ihrer Hochzeit zum Islam übertreten und richtete sich in fast allen Dingen nach meinem Vater. Sie meinte, dass ich trotzdem ein sehr schönes Fest haben würde, was auch zutraf.
Schrittweise wurde mir meine Freiheit genommen. Ich hatte dasselbe schon bei anderen Mädchen aus den arabischen Ländern bemerkt. Von einem Tag zum anderen kamen sie mit Kopftüchern in die Schule, nahmen nicht mehr am gemeinsamen Schulsport teil.
Mein Vater zwang mich nicht, in Deutschland ein Kopftuch zu tragen, nur wenn wir in Saudi-Arabien waren, musste ich mich in der Öffentlichkeit mit der Abahja verhüllen, einem schwarzen Gewand, das den Körper völlig einschloss. Über meinen Haaren trug ich ein ebenfalls schwarzes Tuch, über das noch ein schwarzer, an den Augen durchsichtiger Schleier geworfen wurde. Ich hasste diese schwarze Uniform. Unter ihr kam ich mir wie in einem Gefängnis vor. Bis heute begreife ich nicht, weshalb meine Mutter sie freiwillig auf sich genommen hat.
Ich war bereits im Alter von sechs Jahren mit dem ältesten Sohn eines entfernten Verwandten verlobt worden. Meinen zukünftigen Gatten hatte ich seit über acht Jahren nicht mehr gesehen. Amir war drei Jahre älter als ich und studierte zurzeit in Amerika. Wir sollten heiraten, sobald er sein Studium beendet hatte.
Je älter ich wurde, umso furchtsamer sah ich meiner Ehe entgegen. Als Kind hatte ich Amir gemocht. Er war immer sehr lustig gewesen und stets zu einem Streich aufgelegt, doch woher sollte ich wissen, wie er sich entwickelt hatte? Zudem konnte ich mir nicht vorstellen, einen Mann zu heiraten, den ich nicht liebte.
Kurz nach meinem achtzehnten Geburtstag lernte ich durch Zufall auf einer Ausstellung über Saudi-Arabien, die mein Vater mit uns besuchte, Stephan kennen. Ich hatte mich etwas abgesondert und betrachtete in einem der Nebenräume ein großes Foto, das drei verschleierte Frauen zeigte.
„Finden Sie es nicht auch schrecklich, was man in Saudi-Arabien den Frauen antut?“, sprach er mich an.
„Jedes Land hat seine Sitten“, antwortete ich diplomatisch. In der Öffentlichkeit hielt ich mich mit Bemerkungen über meine Heimat zurück.
„Ich bin nur hier, weil meine Schwester sich für Saudi-Arabien interessiert. Anabel hat sich in einen Saudi verliebt.“ Er hob die Schultern. „An ihrer Stelle würde ich spätestens nach dem heutigen Abend einen großen Bogen um jeden Saudi machen. Können Sie sich vorstellen, wie stickig es unter diesem Schleier und den Mantel sein muss?“
„Ich kann“, bemerkte ich trocken. „Mein Vater ist Saudi.“ Es gefiel mir, wie er zusammenzuckte. „Wenn ich in Saudi-Arabien bin, muss ich auch Abahja, Tuch und Schleier tragen.“
„Wie entsetzlich“, entfuhr es ihm. „Sind Sie schon lange in Deutschland? Sie sprechen sehr gut deutsch.“
Ich lachte. Obwohl es mir untersagt worden war, mit fremden Männern zu sprechen, gab ich bereitwillig auf seine Fragen Antwort. Der junge Mann gefiel mir. An diesem Abend fühlte ich mich zum ersten Mal seit langer Zeit wirklich frei.
„Würden Sie am Samstagabend mit mir ins Kino gehen?“, fragte er. „Ich heiße Stephan Kayser. Ich würde gern mehr über Saudi-Arabien erfahren. Meine Schwester können wir mitnehmen. Wie gesagt, für sie ist es sogar sehr wichtig. Außerdem...“
„Wo treffen wir uns?“, fragte ich. „Seit Jahren darf ich nicht mehr allein aus dem Haus. Ich werde eine meiner Freundinnen bitten, mich einzuladen.“
Wir hatten gerade einen Treffpunkt ausgemacht, als mein Bruder Ahmed erschien. „Ach hier bist du, Layla“, meinte er und warf einen misstrauischen Blick auf Stephan, der völlig unbeteiligt wirkte. „Mutter hat schon nach dir gefragt.“
Ich folgte meinem Bruder in den Hauptraum der Ausstellung. Mein Vater hielt gerade eine Rede. Mit den Gedanken an den jungen Mann, den ich kennen gelernt hatte, hörte ich kaum zu.
In dieser Nacht träumte ich von Stephan. Ich sah mich mit ihm nach Rheinsberg hinausfahren. Er hielt meine Hand. Als es dunkel wurde, küsste er mich.
Am Morgen schämte ich mich fast meiner Träume. Ich nahm mit meiner Familie das Frühstück ein und ließ mich anschließend vom Chauffeur meines Vaters in die Schule fahren. Kaum traf meine Freundin Sharon, eine Engländerin, ebenfalls in der Schule ein, erzählte ich ihr von meiner Begegnung mit Stephan.
„Bitte gib mir für Samstagabend ein Alibi“, bat ich sie. „Stephan und ich möchten uns um sechs Uhr dreißig beim Zoo treffen. Dein Bruder könnte mich fahren.“
„Schon erledigt“, erklärte Sharon. „Offiziell werden wir am Samstagabend Schularbeiten machen.“
Meine Eltern schöpften kein Misstrauen, als ich am Samstagabend das Haus verließ, um mich zu Sharon fahren zu lassen. Mit dem Chauffeur hatten sie ausgemacht, mich um zehn Uhr dreißig wieder abzuholen.
Es klappte alles, wie wir es uns vorgestellt hatten. Kaum war der Chauffeur außer Sichtweite, fuhr ich mit David, Sharons Bruder, auch schon zum Zoo. „Pass auf dich auf, Layla“, bat er mich. „Überleg in welchem Licht meine Familie stehen wird, wenn dir etwas passiert.“
„Keine Angst, David, ich werde vorsichtig sein“, versprach ich ihm.
Stephan und seine Schwester Anabel erwarteten mich bereits. Sie gingen mir entgegen. „Um halb elf muss ich bei meiner Freundin sein“, sagte ich.
„Keine Angst, ich werde Sie pünktlich abliefern“, versprach Stephan.
Es wurde ein wunderschöner und sehr interessanter Abend. Anabel stellte mir tausend Fragen über Saudi-Arabien und die saudische Gesellschaft. Ich beantwortete sie, so gut ich konnte. Selbstverständlich wollte ich ihr den Freund nicht ausreden, aber sie sollte aus erster Hand erfahren, auf was sie sich einließ.
Die beiden brachten mich pünktlich zu meiner Freundin zurück. Stephan und ich verabredeten uns für den Mittwochnachmittag. Ich nahm mir vor, unter dem Vorwand, mir sei unwohl, einen Teil des Unterrichts zu schwänzen.
Nach dem Vormittagsunterricht sagte ich meiner Lehrerin, dass ich mich nicht wohl fühlen würde und bereits unseren Chauffeur angerufen hätte, damit er mich abholt. Während die anderen Schüler zum Essen gingen, verließ ich die Schule durch den Hinterausgang.
Stephan erwartete mich zwei Straßen weiter. Rasch stieg ich in seinen Wagen. Wir fuhren in den Grunewald und nahmen dort das Mittagessen in einem kleinen Restaurant ein. Anfangs schlug mein Herz bis zum Hals. Ich malte mir aus, was mit mir passieren würde, wenn mein Vater dahinter kam, doch nach und nach legte sich meine Angst.
Wir verbrachten herrliche Stunden miteinander. Arm in Arm gingen wir im Grunewald spazieren. Stephan erzählte mir aus seinem Leben. Er studierte Informatik. In einem halben Jahr wollte er für einige Zeit nach Amerika gehen, um dort in der Firma seines Onkels zu arbeiten.
Es kam, wie es kommen musste! An diesem Nachmittag erhielt ich meinen ersten Kuss. Ich hatte mir oft ausgemalt, wie es wohl sein würde, von einem Mann geküsst zu werden. Stephans Kuss übertraf alle Erwartungen. Hätte er mich an diesem Nachmittag gebeten, mit ihm in das nächste Flugzeug zu steigen und in die weite Welt zu fliegen, ich hätte nicht einen Augenblick gezögert.
Während der nächsten Wochen trafen wir uns, wann immer ich eine Gelegenheit dazu fand. Ich liebte Stephan von ganzem Herzen. Wenn wir uns nicht sehen konnten, verging ich fast vor Sehnsucht nach ihm. Meine Eltern merkten, dass ich mich veränderte, konnten sich diese Veränderung aber nicht erklären.
„Ich möchte, dass du mit mir nach Amerika gehst, Layla“, sagte Stephan. Unbemerkt hatte ich am Abend unser Haus verlassen. Ich hatte mich sehr früh in mein Zimmer zurückgezogen, angeblich, weil ich Kopfschmerzen hatte. Da meine Eltern an diesem Abend ausgegangen waren, rechnete ich nicht damit, dass jemand nach mir sehen würde.
„Meine Eltern würden das niemals erlauben.“ Zum ersten Mal erzählte ich ihm von Amir, den Mann, den ich heiraten sollte. „Noch zwei Jahre, dann gehöre ich seiner Familie an“, fügte ich hinzu. „Wir werden in Riad leben.“
„Der Gedanke, dich für immer unter einer Abahja verschwinden zu sehen, macht mich krank, Liebling“, sagte Stephan. „Sprich mit deiner Mutter. Sie wird dich verstehen.“
Ich schüttelte den Kopf. „Meine Mutter wird niemals etwas unterstützen, was mein Vater ablehnt. Manchmal denke ich, sie hat vergessen, dass sie ihren Gatten selbst wählen konnte.“
„Wir müssen einen Weg finden, um diese Heirat zu verhindern.“
Ich liebte Stephan für seine Worte noch mehr als zuvor. Es gab keinen Weg, um meine Heirat mit Amir zu verhindern, aber allein die Tatsache, dass er vorhatte, einen zu suchen, gab mir etwas Hoffnung.
Kurz vor Mitternacht brachte mich Stephan in die Nähe unseres Hauses. Es gelang mir, unbemerkt durch eine Lücke in der Hecke zu schlüpfen, die von einem Haselnussstrauch verborgen wurde. Lautlos huschte ich über den Rasen, stieg die Außentreppe zum Keller hinunter und betrat das Haus.
Als ich über die Hintertreppe zu meinem Zimmer schlich, hörte ich, wie sich mein Vater und meine Mutter im Salon miteinander unterhielten. Ich erschrak. Ich hatte damit gerechnet, dass sie erst viel später nach Hause zurückkehren würden.
Erleichtert schloss ich die Tür meines Zimmers hinter mich und begann mich auszukleiden. Ich kam gerade aus dem Bad, als es klopfte und gleich darauf meine Mutter eintrat. Sie trug einen blauen, mit Silberfäden durchwirkten Seidenmorgenmantel. Ihre Haare lagen in weichen Wellen auf ihren Schultern. Sie war fünfundvierzig, wirkte jedoch um Jahre jünger.
„Ich wollte gerade zu Bett gehen, Mama“, sagte ich. „Habt ihr einen schönen Abend verbracht?“
„Setz dich, Layla“, befahl sie mir. Ihrer Stimme merkte ich an, dass sie nicht gekommen war, um mir eine gute Nacht zu wünschen.
Beklommen setzte ich mich auf mein Bett.
„Was machen deine Kopfschmerzen?“
„Dank des Aspirins, das ich genommen habe, sind sie verschwunden, Mama“, antwortete ich und wagte nicht, ihr ins Gesicht zu sehen.
Meine Mutter setzte sich mir gegenüber auf einen Stuhl. „Wo bist du gewesen, Layla?“ Sie beugte sich mir zu, griff unter mein Kinn und hob es an. Als ich nicht sofort antwortete, wiederholte sie: „Wo bist du gewesen, Layla?“
Erneut gab ich keine Antwort.
„Layla, ich frage dich jetzt zum letzten Mal. Wo bist du gewesen? Als ich vor zwanzig Minuten nach dir sehen wollte, warst du nicht in deinem Zimmer.“
„Ich war im Garten“, log ich. „Ich wollte etwas frische Luft schnappen.“
„Um diese Zeit hast du nichts mehr im Garten verloren, Layla.“ Die Stimme meiner Mutter klang nicht mehr so harsch.
In diesem Moment öffnete sich die Tür meines Kleiderschranks. Ich hatte sie nicht richtig geschlossen. Der Blick meiner Mutter fiel auf die Jeans und das T-Shirt, das ich an diesem Abend getragen hatte. In der Eile hatte ich die Sachen nur flüchtig auf den Boden des Kleiderschranks geworfen. Sie stand auf, griff nach meinem T-Shirt. Als sie sich mir zudrehte, sprühten ihre Augen vor Wut.
„Du hast dich also mit einem Mann getroffen“, sagte sie eisig.
„Nein.“ Ich schluckte.
„Hör auf zu lügen, Layla. Dein T-Shirt duftet nach einem Rasierwasser, das weder dein Vater noch deine Brüder verwenden. Du musst diesem Mann sehr nahe gewesen sein.“
Was hätte ich jetzt noch leugnen sollen? Mir blieb nichts anderes übrig, als meiner Mutter zu gestehen, dass ich mich verliebt hatte. Mit jedem Wort, das ich sagte, verlor das Gesicht meiner Mutter mehr an Farbe.
„Bitte hilf mir, Mama“, bat ich. „Du hast auch einmal geliebt. Nur aus diesem Grund hast du meinen Vater gegen alle Widerstände deiner Familie geheiratet.“
„Das ist etwas anderes gewesen. Ich war nicht seit Jahren verlobt, als ich deinen Vater kennen lernte.“
„Niemand hat mich gefragt, ob ich Amir heiraten möchte. Wir haben uns seit Jahren nicht gesehen.“
„Layla, ist dir jemals bewusst geworden, was für ein privilegiertes Leben du führst? Wenn Amir und du verheiratet seid, wirst du weiter ein Leben wie eine Prinzessin führen können. Du wirst unbegrenzt Geld ausgeben können, musst keinen Handschlag tun, weil du für alles Dienstboten hast, und...“
„Und werde in einem goldenen Käfig leben, Mama“, fiel ich ihr ins Wort. „Du hast leicht reden. Wann sind wir schon mal in Saudi-Arabien? Mit deiner Heirat hat sich dein Leben zum Besseren gewendet, bei mir ist das nicht der Fall. Ich werde in einem riesigen Haus eingesperrt sein, umgeben von Familienangehörigen, die jeden meiner Schritte bewachen. Wenn ich das Haus verlassen möchte, werde ich um Erlaubnis fragen müssen.“ Ich streckte mein Kinn vor. „Außerdem liebe ich Amir nicht. Ich liebe...“ In letzter Sekunde verzichtete ich darauf, Stephans Namen zu nennen.
Meine Mutter stand auf. „Schade, dass du nicht vernünftig bist, Layla“, sagte sie. „Ich hoffe für dich, dass du noch unberührt bist und den Namen deines Vaters und unserer Familie nicht beschmutzt hast.“ Sie ging zur Tür, zog den Schlüssel ab und steckte ihn von außen ins Schloss, um mich einzuschließen. „Es tut mir Leid, Layla.“
Meine Situation war aussichtslos. Ab jetzt würde ich keinen Schritt mehr ohne Bewachung tun können. Vermutlich würde man mich schon in den nächsten Tagen nach Saudi-Arabien zurückschicken und in die Obhut meiner Großeltern geben.
Ich konnte in dieser Nacht nicht schlafen. Stundenlang weinte ich in meine Kissen und überlegte sogar, mir das Leben zu nehmen. Ich malte mir aus, wie meine Familie an meinem Grab stehen würde. – Nein, es würde kein Grab für mich geben! Man würde mich wie einen räudigen Hund verscharren. Mein Name würde nie wieder erwähnt werden.
Am nächsten Tag kam ein Arzt ins Haus, der das Vertrauen meiner Eltern genoss. Ich sträubte mich nicht gegen die Untersuchung, es hätte sowieso nichts gebracht. Gedemütigt zog ich ein Tuch über mein Gesicht.
Danach wurde ich erneut eingeschlossen. Seit meinem Geständnis hatte ich nur meine Mutter zu Gesicht bekommen. Stumm brachte sie mir meine Mahlzeiten, stumm verließ sie wieder das Zimmer.
Erst am fünften Tag meiner Gefangenschaft fiel mir das Handy ein, das mir Sharon einmal geschenkt hatte. Ich hatte es in einem der Wandschränke verborgen. Gott sei Dank funktionierte es. Ich rief Sharon an. Sie überfiel mich mit einem Schwall von Fragen. Stephan hatte sich schon mehrmals bei ihr nach mir erkundigt. In aller Eile berichtete ich ihr, was vorgefallen war und bat sie, mit Stephan zu sprechen. Anrufen sollte sie mich nicht. Ich wollte nicht, dass das Handy entdeckt wurde.
Einen Tag später zitierte mich mein Vater in sein Arbeitszimmer. Auf der Couch seitlich seines Schreibtisches saßen meine Brüder und meine Mutter. Ich hatte entsetzliche Angst vor der Strafe, die auf mich wartete. Bar jeder Freundlichkeit richtete mein Vater das Wort an mich, sprach von meinen Verfehlungen und dem mangelnden Respekt gegenüber meiner Familie und meiner Religion.
„Wer ist der Mann?“, fragte er mich.
Ich schwieg, weil ich wusste, ich durfte Stephans Namen unter keinen Umständen verraten. Die Hand meines Vaters reichte weit. Ich wollte nicht, dass Stephan ein Unglück widerfuhr.
„Gut, es ist auch egal. Du wirst diesen Mann ohnehin niemals wiedersehen, Layla“, sagte er. „Morgen um diese Zeit wirst du schon in Riad sein. Bis zu deiner Heirat wirst du bei meinen Eltern leben. Ich habe bereits mit ihnen telefoniert und ihnen gesagt, dass ich deine Tugend in diesem Land nicht länger beschützen kann.“ Er umfasste grob mein Handgelenk. „Ich kann dir nur raten, in Zukunft den Gesetzen unseres Landes und unserer Religion zu folgen.“
Ich wurde erneut in mein Zimmer eingesperrt. Wenig später kam meine Mutter und beaufsichtigte, wie zwei Hausmädchen meine Sachen packen. Wir sprachen kein Wort miteinander. Zum Glück hatte ich zuvor das Handy im Polster eines Sessels versteckt. Dadurch blieb es unentdeckt.
In der Nacht rief ich Sharon an und sagte ihr, dass ich versuchen würde, auf dem Flughafen meinen Bewachern zu entkommen. Meine Mutter hatte bestimmt, dass ich bereits auf dem Flug die Abahja, Tuch und Schleier tragen sollte. Das kam meinen Plänen sehr entgegen.
Am nächsten Morgen stieg ich mit meinen Brüdern, die mich nach Saudi-Arabien begleiten sollten, in die Limousine. Weder meine Mutter, noch mein Vater nahmen von mir Abschied. Ich trug unter der Abahja einen Jeansrock, den ich abgeschnitten hatte, und ein T-Shirt. In meiner Tasche hatte ich Schuhe zum Wechseln dabei.
Auf dem Flughafen herrschte einiges Gedränge. Ich war nicht die einzige Frau, die eine Abahja trug und deren Gesicht unter einem Schleier verborgen war. Damit hatte ich gerechnet. Sharon wartete, ebenfalls in eine Abahja gehüllt und tief verschleiert, in der Nähe des Airline-Schalters, wie wir es bei einem zweiten Telefonat in der Nacht abgemacht hatten. Jetzt zahlte es sich aus, dass ich ihr einmal aus Jux eine Abahja, Tuch und Schleier geschenkt hatte.
Als einige saudische Männer, gefolgt von mehreren tiefverschleierten Frauen auf den Schalter zusteuerten, war unsere Stunde gekommen. Sharon wechselte unbemerkt von meinen Brüdern mit mir den Platz.
Ich flüchtete in eine andere Abfertigungshalle, suchte dort die Toilette auf und entledigte mich meiner Abahja. Modern gekleidet verließ ich ohne Hast den Flughafen und ging über den Parkplatz, wo Stephan auf mich wartete. Eilig setzte ich mich in seinen Wagen. Als meine Brüder bemerkten, dass ich nicht mehr bei ihnen war, befanden wir uns bereits auf dem Weg nach Frankreich.
Seit jenem Tag sind sechs Jahre vergangen. Wir leben inzwischen in New York, wohin mich Stephan nach einem kurzen Frankreich-Aufenthalt gebracht hat. Sein Onkel hat uns sehr geholfen, vor allen Dingen, was meine Papiere anging. Während Stephan in Berlin sein Studium fortsetzte, konnte ich bei ihm in Amerika leben. Die erste Zeit wagte ich mich kaum aus dem Haus. Erst, als ich mir sicher sein konnte, dass mich niemand aus meiner Familie in New York vermutete, begann ich nach und nach aufzuatmen.
Ich habe weder meine Eltern, noch meine Brüder wiedergesehen. Auch Saudi-Arabien werde ich wohl nie wieder betreten. Es wäre mein Todesurteil, sollte man jemals herausfinden, dass Laurin Kayser früher Layla al Bandur hieß. Stephan und ich sind seit vier Jahren miteinander verheiratet und haben einen kleinen Sohn. Jason ähnelt meinem Vater, den er niemals kennen lernen wird.