Naomi ist fünfzehn und zum ersten Mal verliebt. Nie zuvor hat ihr ein Junge soviel bedeutet wie Sebastian. Sie würde gern mit ihren Eltern darüber reden, doch die haben momentan andere Sorgen. Ihr Vater ist seit Monaten arbeitslos und will eine Stelle in Winnenden annehmen, obwohl sie in Konstanz leben und dort gebaut haben. Ohnehin ist nichts mehr so wie es früher gewesen ist. Ihre Eltern streiten sich oft wegen der geringsten Kleinigkeit. Sebastian kann das verstehen, er glaubt, daß sich ihr Vater als Versager fühlt und seinen Frust darüber an ihrer Mutter ausläßt.
Tobias Bachmann nimmt sich eine Wohnung in Winnenden und kommt nur noch am Wochenende nach Hause. Allerdings verlaufen die Wochenenden mit seiner Familie keineswegs harmonisch wie sie geplant sind, sondern enden meistens im Streit. Als sich auch noch eine Geschäftskollegin an Tobias heranmacht, scheint es nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis die Ehe von Naomis Eltern auseinanderbricht.
Und dann kommt ein Wochenende, an dem Tobias nicht nach Konstanz kommt. Er redet sich mit dringenden Arbeiten heraus. Michaela Bachmann glaubt ihrem Mann nicht. Sie fährt heimlich nach Winnenden und ertappt ihn inflagranti. Seine Freundin sagt ihr, daß sie ein Kind von Tobias erwartet. Blind vor Tränen stürzt Michaela aus dem Haus und setzt sich in ihren Wagen, um zu ihren Kindern zurückzukehren. Kurz darauf kommt sie von der Straße ab.
In den folgenden Monaten versucht Naomi alles, um die Ehe ihrer Eltern zu retten. Sebastian ist ihr in dieser schlimmen Zeit ein Halt. Sie wissen beide, daß sie sich nicht mehr täglich sehen können, wenn Naomis Eltern wieder zusammenfinden, aber auch, daß keine Entfernung so groß ist, um sie nicht mit ihrer Liebe überbrücken zu können.
Leseprobe:
Es war lange nach zehn, als Michaela Bachmann Winnenden erreichte. Sie hatte unterwegs nur einmal Halt für eine Tasse Kaffee gemacht, war jedoch in einen Stau geraten, was ihr viel Zeit gekostet hatte. Als sie ihren Wagen auf dem Parkplatz vor dem Mehrfamilienhaus parkte, in dem ihr Mann seine Wohnung gemietet hatte, sah sie, daß im Wohnzimmer Licht brannte. Entweder war Tobias gerade erst zurückgekehrt, oder er hatte sie angelogen und es gab gar keinen Geschäftsbesuch.
Sie nahm den Schlüssel aus ihrer Handtasche und schloß die Haustür auf.
Tobias' Wohnung lag im fünften Stock. Michaela benutzte den Aufzug. Sie lehnte sich gegen die Kabinenwand. Auch wenn sie versuchte es sich auszureden, sie hatte Angst. Hätte sie nicht Tobias anrufen sollen und ihm sagen, daß sie nach Winnenden kam? -Nein, das wäre ja lächerlich gewesen. Sie war ja nach Winnenden gefahren, um sich davon zu überzeugen, daß sie sich unnötige Sorgen machte.
Das Herz der jungen Frau schlug bis zum Hals, als sie mit ihrem Schlüssel fast lautlos die Wohnungstür öffnete. Es kam ihr schäbig vor, hinter ihrem Mann herzuspionieren, gleichzeitig wußte sie, daß ihr kein anderer Weg blieb. Sie konnte mit dieser Ungewißheit nicht länger leben.
Michaela schrak zusammen, als sie aus dem Wohnzimmer eine Frauenstimme hörte. Sie fühlte, wie sie bleich wurde. Automatisch hielt sie den Atem an. Eine eisige Kälte kroch durch ihren Körper.
"Ich bin so froh, daß wir einmal ein ganzes Wochenende für uns haben, Tobias", sagte Barbara Weller. "Du ahnst nicht, wie schrecklich es jedesmal für mich ist, wenn ich dich bei deiner Familie weiß."
Michaela atmete aus. Es kostete sie Mühe, nicht einfach ins Wohnzimmer zu stürmen, sondern noch ruhig stehenzubleiben. Bis jetzt hatte sie gehofft, daß sie sich grundlos Sorgen machte. Bis jetzt hatte sie ...
"Hör auf, Barbara, du weißt, wie sehr ich an meiner Familie hänge. Ich habe eine wunderbare Frau und wunderbare Kinder. Ich ..."
Barbara lachte auf. "Und warum bist du mit mir zusammen, wenn mit deiner Familie alles so wunderbar ist, Darling?" fragte sie. "Nein, Tobias, wir sollten endlich Nägel mit Köpfen machen. Wir ..."
Michaela konnte es nicht länger ertragen. Mit zwei Schritten war sie bei der Tür und stieß sie auf. Ihre Augen weiteten sich vor Entsetzen, als sie ihren Mann und eine ihr fremde junge Frau kaum bekleidet auf der Couch liegen sah. Sie war unfähig, auch nur ein Wort herauszubringen. Der tiefe Abgrund, der sich vor ihren Füßen auftat, drohte sie zu verschlingen.
"Michaela!" stieß Tobias fassungslos hervor. Hastig schob er seine Freundin beiseite und sprang auf, während er gleichzeitig versuchte seine Hosen zu schließen. "Michaela, laß dir erklären ..."
Michaela fand endlich ihre Sprache wieder. "Was sollte es da wohl noch zu erklären geben?" fragte sie verbittert. Von ihrem Mann blickte sie auf Barbara Weller, die gar nicht daran dachte, sich zu bedecken.
Nie zuvor in seinem Leben hatte sich Tobias so nackt und bloß gefühlt. Wenn es möglich gewesen wäre, er wäre in einem Mauseloch verschwunden. Verdammt, warum hatte er nicht damit gerechnet, daß Michaela eines Tages unverhofft nach Winnenden kommen könnte? Wie hatte er nur so idiotisch sein können, sich mit Barbara einzulassen. Wie ...
"Wie lange geht das schon?" fragte Michaela und wunderte sich, daß es ihr gelang, nicht die Nerven zu verlieren.
Tobias atmete tief aus. Er machte einige Schritte auf seine Frau zu. "Wir wollen in aller Ruhe darüber sprechen, Liebling", sagte er. "Es ..."
"Nenn mich nicht Liebling!" Sie schob seine Hand beiseite. "Nenn mich nie wieder Liebling, Tobias."
"Das wird er auch nicht", bemerkte Barbara.
"Barbara, bitte halte dich da 'raus."
Michaelas Lippen umspielte ein verächtliches Lächeln. "An Ihrer Stelle würde ich meine Sachen nehmen und verschwinden." Mit einer blitzschnellen Bewegung griff sie nach dem Kleid, das auf dem Boden lag, und warf es Barbara zu. "Ziehen Sie sich endlich etwas über. Und wenn es dieser Fetzen ist."
"Halten Sie die Luft an, Frau Bachmann", sagte Barbara und ließ das Kleid auf die Couch fallen. "Es mag für Sie ein Schock sein, daß Ihr Mann und ich uns lieben, dennoch sollten Sie es akzeptieren. Es ist unsinnig an etwas festzuhalten, was längst verloren ist."
"Barbara, was fällt dir ein?" fragte Tobias wütend. "Ich habe nicht vor, deinetwegen meine Familie zu verlassen. Ich ..."
Michaela fiel ihm ins Wort. "Mit Frauen wie Ihnen unterhalte ich mich nicht", sagte sie und wollte sich ihrem Mann zuwenden.
"Und was ist mit dem Kind, das ich erwarte?" stieß Barbara hervor.
"Kind?" Tobias starrte sie entsetzt an. "Du erwartest ein Kind?"
Michaela trat einen Schritt zurück. "Das ist nicht wahr?" stammelte sie. "Sie lügen."
"Fragen Sie meinen Arzt." Barbaras Augen blitzten. "Ja, ich erwarte eine Kind von Ihrem Mann. Ich bin im vierten Monat. Glauben Sie noch immer, daß ..."
Michaela hörte ihr nicht länger zu. Sie drehte sich um und stürzte in den Korridor. Sie hatte nur noch einen Gedanken. Fort, so schnell wie möglich fort.
"Michaela!" Tobias wollte seiner Frau folgen.
Barbara stellte sich ihm in den Weg. "Laß sie", befahl sie. "Denk an uns und unser Kind."
Tobias stieß sie grob beiseite. "Michaela!" schrie er wieder und rannte nach draußen. Er hörte, wie seine Frau die Treppen hinunterrannte. "Michaela!"
Michaela dachte nicht daran stehenzubleiben. Sie hatte bereits die Haustür erreicht. Mit einer letzten Anstrengung rannte sie auf die Straße und jagte zu ihrem Wagen.
Blind vor Tränen fuhr die junge Frau während der nächsten halben Stunde kreuz und quer durch Winnenden, dann bog sie in eine Straße ein, die stadtauswärts führte. Sie wußte, daß sie nicht so weiterfahren durfte, daß sie anhalten mußte, um sich erst einmal zu beruhigen, aber sie schaffte es nicht. Sie glaubte, das Leben nicht mehr ertragen zu können und für kurze Zeit vergaß sie sogar ihre Kinder, die zu Hause auf sie warteten.
"Tobias hat eine Geliebte ... Tobias hat eine Geliebte", hämmerte es ununterbrochen hinter ihrer Stirn. Auch wenn Michaela ihrem Mann in der letzten Zeit oft mißtraut hatte, die Gewißheit brachte sie fast um.
Noch immer rannen Tränen über ihr Gesicht. Sie konnte kaum noch etwas erkennen. Deshalb bemerkte sie auch nicht die Kurve, die die Straße beschrieb, sondern fuhr geradeaus weiter. Der Wagen holperte über den Randstreifen. Sie wollte noch gegensteuern. Es war zu spät. Vor ihr tauchte ein riesiger, dunkler Schatten auf. Entsetzt riß sie die Arme vors Gesicht.