Die große Liebe verbindet Mariah Mac Hollymore und ihren Ehemann Charles. Dennoch ist das Glück in großer Gefahr. Andrew, der kleine Sohn von Laird und Lady, leidet an derselben Krankheit, an der zwei Jahre zuvor schon seine fünfjährige Schwester Elizabeth gestorben ist. Trotz Einwände Mariahs reitet der Laird in einer Sturmnacht los, um im Nachbarort Hilfe zu holen. Charles Mac Hollymore kommt dort nie an und bleibt von diesem Tag an verschwunden. Nur sein totes Pferd wird gefunden. Sechzig Jahre später. Eliza Mac Hollymore und Oliver Mac Megan lieben sich. Doch die beiden Clans sind seit Jahrzehnten bis auf den Tod verfeindet. Die Liebenden sind verzweifelt und wissen nicht, was sie tun sollen. Da taucht ein Fremder auf Hollymore Castle auf. Er sieht aus wie der verschollene Charles Hollymore. Ist er es wirklich, und wenn ja, wie wird Mariah, die inzwischen eine alte Frau ist und ihrem Ende entgegensieht, damit fertig? Wird dieser Mann, den Mariah als den unbekannten Sohn ihres geliebten Charles der Familie vorstellt, Unglück bringen oder Glück? Werden Eliza und Oliver doch noch glücklich miteinander, und wird sich Mariahs einziger und inniger Wunsch in letzter Sekunde erfüllen, einmal noch in den Armen ihres geliebten Charles liegen zu dürfen? Wenn das traurige Lied einer einsamen Flöte erklingt, werden alle Fragen beantwortet sein.
L e s e p r o b e :
Es war eine grauenvolle Nacht, die Charles wenig später schon verschluckt hatte. Grelle Blitze zuckten in nur geringen Abständen über den schwarzen Himmel, und der Sturm machte es dem Pferd sehr schwer, den Befehlen seines Herrn zu gehorchen. Zum Glück waren die beiden schon seit Jahren ein eingespieltes Team, so daß Tuccer trotz allem die richtige Richtung einschlug. Der aufgeweichte Boden gab unter den Hufen des Pferdes nach, immer wieder rutschte das Tier und konnte nur mit letzter Kraft einen Sturz verhindern. Es wieherte aufgeregt, denn es witterte die Gefahr. Dann fuhr ein greller Blitz zur Erde und in einen der alten Bäume. Es gab einen ohrenbetäubenden Schlag, als die Kraft der Natur den Baum in zwei Teile spaltete. Für einen Moment lang war die Umgebung in taghelles Licht getaucht. Charles hielt die Zügel des Pferdes so fest in seinen Händen, daß ihn die Gelenke bereits zu schmerzen begannen. Schon lange spürte er nicht mehr die kalten Regentropfen, die gegen seine nackten Beine klatschten, und er hatte es aufgegeben, sein Gesicht an der Schulter zu reiben in der Hoffnung, daß der rauhe Stoff seines Hemdes die Haut trocknete. Tuccer stieg entsetzt in dem Augenblick, als der Blitz in den Baum eingefahren war. Alles Schreien half nicht, auch der Druck seiner Knie in die Weichteile des Tieres konnten es nicht beruhigen. Wie vom Teufel gehetzt rannte der edle Hengst los und reagierte auch nicht auf die Befehle, die sein Reiter ihm gab. In der Ferne hörte Charles trotz des Gewitters und des Prasseln des Regens die Brandung des Meeres. Tuccer war also in die falsche Richtung geflohen. Panik stieg in dem Mann auf. Er mußte doch zu Dr. Mulligan, mußte Hilfe holen für seinen kleinen Sohn. In seiner Verzweiflung wollte Charles das Pferd herumreißen, zog, so fest er konnte an den Zügeln, doch Tuccer wurde davon nur noch wilder. Der Hengst stieg erneut, und als er mit den Hufen wieder aufkam, gab der Boden unter ihm nach. Pferd und Reiter stürzten nach vorne, Charles verlor den Halt und prallte auf einem Felsen auf. Dann rollte er weiter in die Tiefe. Tuccer fiel und fiel, bis er endlich Halt fand. Einige Male noch versuchte das Pferd, sich aufzurichten, dann blieb es still liegen. Sein Wiehern klang schmerzerfüllt, als wollte er Charles um Hilfe bitten. Der mächtige Brustkorb des schönen Tieres hob und senkte sich noch eine ganze Weile. Nach einem letzten Aufbäumen sank es in sich zusammen. Mit gebrochenen Augen starrte das Tier zum dunklen Nachthimmel hinauf, als könnte es dort etwas Wunderbares erblicken. Charles Mac Dougall war ebenfalls noch eine ganze Weile den Abhang hinuntergerutscht. Er versuchte, sich zusammenzurollen wie eine Katze, um schlimmere Verletzungen zu verhindern. Immer wieder griff er nach Steinen oder Büschen, die es hier nur spärlich gab. Doch einen Halt fand er nicht. Plötzlich zuckte erneut ein heller Blitz über den Himmel und erleuchtete die ganze Umgebung. In diesem Moment endlich gelang es Charles, mit den Füßen seinen Sturz etwas zu bremsen. Er hatte einen kleinen, ziemlich robusten Strauch zu fassen bekommen, doch seine klammen Finger hatten keine Kraft mehr. Die nassen Äste entglitten ihm wieder. Er rutschte noch ein Stück weiter. Eigentlich hatte Charles schon mit dem Leben abgeschlossen. Er wußte, daß es nicht mehr weit sein konnte bis zu den Klippen. Wenn es ihm vorher nicht gelang, sich irgendwo festzuklammern, dann würde er unweigerlich in die Tiefe stürzen. So ruderte er verzweifelt mit den Armen, doch es war sinnlos. Plötzlich jedoch war ihm, als würde ihn etwas an den Schultern festhalten. Sein Körper kam zur Ruhe, er blieb bewegungslos liegen. Heftig atmend schaute er um sich - und erstarrte. Nicht weit von ihm entfernt entdeckte er einen Lichtschein. Und in diesem Licht stand ein Kind, ein wunderschönes, kleines Mädchen, gerade so groß, wie Jenny damals gewesen war, als sie diese Welt verlassen mußte. "Jenny?" flüsterte Charles. "Bist du es, Jenny?" Er wußte nicht, was er von dieser Erscheinung halten sollte. Entweder er hatte sich so sehr am Kopf verletzt, daß er schon Bilder sah, die gar nicht da waren, oder er befand sich bereits auf dem Weg ins Jenseits. "Sag etwas, Jenny." Seine Finger krallten sich in grenzenlosem Entsetzen in die weiche, nasse Erde. "Bist du es wirklich?" Das Mädchen lächelte liebevoll und streckte eines seiner kleinen Händchen nach ihm aus. Das lange blonde Haar umspielte weich und trocken den zarten Kinderkörper, und das lange weiße Kleidchen sah aus wie... Charles erstarrte. Jetzt wußte er, weshalb er so entsetzt war. Genauso hatte Jenny ausgesehen, als man sie in den kleinen Sarg gelegt hatte. Und dann entdeckte er auch noch den roten Blütenzweig, den die Erscheinung in ihrem Händchen hielt. Diese Blumen hatte ihr Mariah mit ins Grab gegeben. Es waren getrocknete Blüten aus ihrem Brautstrauß, den Mariah hütete wie ihren Augapfel. Mühsam stand der Mann auf und ging zögernd auf das Kind zu, das noch immer seine Hand nach ihm ausstreckte. "Bist du es wirklich, Jenny? Bin ich denn schon tot?" Er schüttelte heftig den Kopf. "Das darf nicht sein", flüsterte er, "deinem Bruder geht es nicht gut. Ich muß den Doktor holen." Das Kind jedoch reagierte nicht. Es stand einfach da und wartete. Und Charles Mac Dougall folgte dem Ruf seines kleinen Töchterchens. Er griff nach ihrer Hand und erschrak nicht einmal über ihr seltsam entrücktes Gesichtchen, das ihm fremd erschien. Als der nächste Blitz die Umgebung erhellte, waren Mann und Kind verschwunden. Der einzige Zeuge dieses Vorfalls war ein Pferd, dessen Körper weiter oben lag. Doch es war tot.