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Anne Alexander
Das Schattenkind
 

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Seit Jahren hat Laura Newman immer wieder denselben Traum: Mit ausgebreiteten Armen rennt sie einem kleinen, blonden Jungen entgegen, der zwischen hohen Bäumen auf einem Hügel steht. Jedesmal, wenn sie glaubt, ihn endlich an sich ziehen zu können, verschwindet er im Nichts. Manchmal glaubte sie auch seine Stimme zu hören. Sein flehendes 'Mommy' zerreißt ihr das Herz, obwohl sie weiß, daß dieser kleine Junge, den sie Manuel nennt, vor fünf Jahren bei seiner Geburt gestorben ist. Und dann hört sie Manuel eines Tages, als sie an ihrem Schreibtisch sitzt, laut und deutlich sagen: "Du mußt David helfen."

In den Monaten ihrer Schwangerschaft war sich Laura sicher gewesen, daß sie Zwillinge erwartete, obwohl es ihr Arzt abgestritten hatte. Aber durfte sie ihm wirklich glauben? Hatte er sie vielleicht genauso hintergangen wie Samuel Harris, ihr damaliger Freund, der nach Manuels Geburt von einem Tag zum anderen aus ihrem Leben verschwunden war? Bei ihrer Niederkunft hatte sie so unter Medikamenten gestanden, daß sie sich daran kaum erinnern konnte. Konnte es sein, daß sie zwei Kinder zur Welt gebracht hatte und eines davon noch lebte?

Als Laura in der Zeitung ein Foto Lord Thorburns sieht, der bei einem Unfall ums Leben gekommen ist, erkennt sie in ihm Samuel Harris und sie ist sich ganz sicher, daß der kleine Junge namens David, der auf dem Foto neben ihm steht, ihr eigener Sohn ist.

"Du mußt David helfen", glaubt sie wieder Manuel sagen zu hören.

Mit Hilfe ihrer bisherigen Arbeitgeberin gelingt es Laura, auf Thorburn Hall als Gouvernante des kleinen Lords engagiert zu werden. Schon bald stellt die junge Frau fest, daß Davids Leben an einem seidenen Faden hängt, doch niemand will ihr glauben. Verzweifelt kämpft sie um das Leben des Kindes und gerät dadurch selbst in tödliche Gefahr...


Leseprobe:

"Mommy!"

"Manuel!" Mit ausgebreiteten Armen rannte Laura Newman dem kleinen, blonden Jungen entgegen, der zwischen hohen Bäumen oben auf dem Hügel stand. Der Weg zog sich endlos dahin. Obwohl sie rannte, schien sie kaum vorwärts zu kommen.

"Mommy!" rief Manuel erneut und winkte, dann drehte er sich langsam um.

"Manuel, lauf nicht fort! Warte auf mich!"

Laura rannte noch immer, doch sie spürte, daß es auch dieses Mal vergebens war. Sie würde ihren Sohn niemals in die Arme schließen können. Seit Jahren lief sie diesen Hügel hinauf, hoffte, Manuel zu erreichen, aber jedesmal, wenn sie glaubte, es geschafft zu haben, verschwand der Junge von einer Sekunde zur anderen.

Manuel wandte sich ihr noch einmal zu. Nur noch wenige Meter trennten sie voneinander. Er lachte, streckte die Hand nach ihr aus. "Mommy", sagte er leise.

Laura konnte schon fast seine Finger berühren. Erleichtert atmete sie auf, aber im selben Moment verschwand das Kind. Keuchend blieb sie stehen, starrte fassungslos auf die Stelle, an der ihr Sohn noch eben gestanden hatte. Noch immer glaubte die junge Frau, seine Stimme zu hören. Eine unendliche Trauer erfüllte ihr Herz. Tränen rannen über ihr Gesicht.

Laura erwachte. Bewegungslos lag sie im Bett und starrte in die Dunkelheit. Langsam, unendlich langsam hob sie die rechte Hand und berührte ihr Gesicht. Ihre Finger wurden feucht von den Tränen, die sie im Traum geweint hatte.

Warum? Warum konnte sie ihren Sohn nicht vergessen?

Die junge Frau richtete sich auf und schaltete das Licht ein. Ihr Blick fiel in den Venezianischen Spiegel, der oberhalb einer sehr alten Kommode dem Bett gegenüber an der Wand hing. Automatisch strich sie sich ihre lange, blonden Haare zurück, dann stand sie auf und trat auf den kleinen Balkon hinaus. Ihr Blick glitt über die weißen Häuser Capris auf das Meer hinaus.

Unmöglich, jetzt wieder einzuschlafen, dabei hatte sich Laura für den nächsten Tag sehr viel vorgenommen. Ihre Arbeitgeberin, Muriel Winslow, feierte in drei Wochen ihren sechzigsten Geburtstag. Zu der Party, die am Abend stattfinden sollte, wurden an die hundert Gäste erwartet. Die Einladungen mußten unbedingt bis Ende der Woche herausgeschickt werden. Außerdem arbeitete sie an Muriels Memoiren. Um die Umbauten im Wintergarten mußte sie sich auch kümmern. Dann waren da noch ...

Laura verzog das Gesicht. Sie wußte nur zu gut, daß sie selbst es war, die sich mit Arbeit überhäufte. Natürlich mußten all diese Dinge erledigt werden, doch Mrs. Winslow war eine äußerst angenehme Arbeitgeberin, die ihr niemals irgendein Zeitlimit setzte, sondern sie ständig ermahnte, nicht zu übertreiben.

"Ich habe hier in Italien gelernt, daß man nicht nur arbeiten soll, sondern auch das Leben genießen", hatte sie erst neulich wieder zu ihr gesagt. Roy, ihr achtundzwanzigjähriger Sohn, hatte ihr beigestimmt. "Sie sind viel zu hektisch, Laura. Sie rasen geradezu durch das Leben."

Ein Lächeln umspielte die Lippen der jungen Frau. Sie mochte Roy Winslow. Vom ersten Tag an waren sie gut miteinander ausgekommen. Seine Freundschaft bedeutete ihr viel, wenn sie auch das Gefühl nicht loswurde, daß Roy mehr erwartete als nur Freundschaft.

Resignierend seufzte sie auf. Das Leben konnte manchmal wirklich kompliziert sein. Warum ging bei anderen Menschen immer alles glatt? Auf ihrem Weg schien ein Stolperstein nach dem anderen zu liegen. Schon als Kind hatte sie das zu spüren bekommen.

Eine weiche, kühle Hand streifte ihren Arm. Die Berührung war kaum mehr als ein Hauch. Laura hielt den Atem an. Manuel, dachte sie und wagte nicht, sich umzusehen, weil sie wußte, daß hinter ihr niemand stehen würde.

"Mommy!"

"Manuel!" Die junge Frau fuhr herum. Sie nahm den Schatten eines kleinen Jungen wahr, doch noch bevor sie die Hand nach ihm ausstrecken konnte, hatte er sich bereits aufgelöst.

"Mommy!" hörte sie wieder das Kind rufen.

Sie schlug die Hände vors Gesicht. Es konnte nicht sein. Sie phantasierte. Ihr Sohn war tot, seit über fünf Jahren tot. Aber noch immer glaubte sie, seine Stimme zu hören, obwohl sie diese Stimme bisher nur in ihren Träumen wahrgenommen hatte.

Warum kannst du nicht vergessen? fragte sie sich und kehrte ins Zimmer zurück. Hatte sie sich nicht geschworen, noch einmal völlig von vorne anzufangen? Sie mußte sich endlich mit Manuels Tod abfinden. So durfte sie jedenfalls nicht weitermachen, sonst würde sie eines Tages in eine Psychiatrische Anstalt eingewiesen werden. - Wollte sie das?

Laura setzte sich aufs Bett und blätterte in dem Buch, in dem sie am Abend vor dem Einschlafen gelesen hatte. Es handelte sich um einen Roman, der im England der Quinn Victoria spielte. Wie unkompliziert war damals das Leben noch gewesen, oder kam es ihr nur so vor?

Ein flüchtiges Lächeln erhellte ihr Gesicht. Einer jungen Frau in ihrer Lage wäre damals kaum etwas anderes übriggeblieben, als sich bei reichen Leuten für einen Hungerlohn zu verdingen. Vielleicht wäre sie Gesellschafterin bei einer alten, zänkischen Dame geworden oder Kindermädchen, unter Umständen auch nur Zofe. In der jetzigen Zeit hatte ihr nach Manuels Geburt noch immer die Welt offengestanden. Sie hatte eine Schule besuchen können und sich als Privatsekretärin bewerben.

Im Grunde kannst du ganz zufrieden sein, dachte sie und legte sich wieder hin. Du mußt nur endlich vergessen und wirklich ganz von vorne anfangen. Es hat keinen Sinn, einem Kind nachzutrauern, daß du niemals in deinen Armen gehalten hast, daß du ...

Laura empfand einen brennenden Schmerz in sich. Wieder glaubte sie, ihren Sohn 'Mommy' rufen zu hören. Aufschluchzend verbarg sie ihr Gesicht im Kissen.