Nach dem Tod ihres Chefs, der auf rätselhafte Weise ums Leben gekommen ist, nimmt Sharon Miles eine Stelle als Privatsekretärin auf Winslow Manor an. Sie ahnt nicht, daß sie diese Stelle nur bekommen hat, weil Vincent Lord Winslow glaubt, seine verstorbene Tochter Viola wäre in ihrer Tochter Julie wiedergeboren worden. Viola und seine Frau sind vor sieben Jahren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen. Steffen Winslow, ein begabter Maler, kehrt unverhofft nach Winslow Manor zurück. Er versucht Sharon vor seinem Bruder zu warnen, aber die junge Frau schlägt alle Warnungen in den Wind, weil sie Vincent für einen überaus warmherzigen Menschen hält. Es gefällt ihr, wie er sich um sie und Julie bemüht. Dennoch fühlt sie sich auch zu Steffen hingezogen, der von jeher als das Schwarze Schaf der Familie gilt.
Sharon beginnt das Leben auf Winslow Manor zu genießen. Allerdings beunruhigt es sie, daß sie ab und zu ein kleines Mädchen zu sehen glaubt, das von einem Augenblick zum anderen verschwindet. Auch trällert ihre Tochter oft ein Lied, das sie bis zu ihrer Ankunft im Schloß nicht gekannt hat. Sie behauptet, Viola hätte es ihr beigebracht.
Lord Winslow überredet Sharon ein Testament zu machen und ihn zum Vormund für Julie zu bestimmen. Ein Anwalt kommt nach Winslow Manor, um das Dokument aufzusetzen. Erneut versucht Steffen, Sharon vor seinem Bruder zu warnen. Kurz darauf kehrt er von einer Fahrt mit seinem Motorboot nicht zurück. Tod, Angst und Wahnsinn bestimmen von nun an den Tag...
Leseprobe:
Julie öffnete vorsichtig die Schlafzimmertür und spähte zum Bett ihrer Mutter. Auf Zehenspitzen schlich sie durch den freundlich eingerichteten Raum. "Bist du wach?" flüsterte sie. "Mommy, bist du wach?"
Sharon hörte die Stimme ihrer Tochter, doch sie war noch müde, sie wollte nicht aufwachen. Sie drehte sich zur anderen Seite.
"Ja, du bist wach", jubelte die Kleine. Sie rannte um das Bett herum und blickte in das Gesicht ihrer Mutter. "Mommy, du lachst ja." Sie tippte ihrer Mutter auf die Nasenspitze. "Ich bin es, Julie. Aufwachen!"
"Wie spät ist es denn?" Sharon blinzelte.
"Schon spät", erklärte ihre Tochter. "Bestimmt schon zehn Uhr."
"Zehn Uhr?" Mit einem Ruck richtete sich die junge Frau auf. Ihr Blick fiel zur Uhr. "Es ist doch erst halb acht", sagte sie aufseufzend. "Heute ist Sonntag. Hast du das vergessen, kleiner Racker? Sonntags können wir länger schlafen."
"Ich bin schon lange wach." Julie hockte sich auf das Bett. "Was machen wir denn heute? Gehen wir baden?"
"Nein, heute gehen wir nicht baden." Sharon dachte an den vergangenen Abend, an ihr Zusammensein mit Edward Brown. Erst lange nach Mitternacht war sie nach Hause gekommen. "Onkel Edward holt uns nachher ab", sagte sie. "Wir fahren zum Regents Park."
"Prima." Julie strahlte. "Gehen wir auch in den Zoo, und fahren wir Boot?"
"Ja, natürlich, das auch. Und wir besuchen das Planetarium und das Wachsfigurenkabinett."
Julie war erst einmal im Planetarium gewesen. Obwohl sie nur wenig vom Geschehen verstanden hatte, quälte sie ihre Mutter seit Wochen, wieder einmal dort hinzugehen. "Ich freue mich", sagte sie. "Ich freue mich so riesig." Sie stand auf und tanzte durch das Zimmer.
"Komm, du Racker, mach, daß du ins Bad kommst." Sharon zog ihre kleine Tochter an sich. "Weißt du, daß ich dich lieb habe?"
Julie nickte. "Ich dich auch, Mommy", bekannte sie und schlang ihre Ärmchen um Sharons Nacken.
Eine halbe Stunde später bereitete die junge Frau in der Küche das Frühstück. Edward wollte um neun Uhr kommen. Sicher würde er eine Tasse Kaffee mit ihnen trinken, vielleicht auch etwas essen. Sie freute sich auf den Tag mit ihm, wenngleich sie sich nach wie vor nicht sicher war, ob sie seinen Heiratsantrag annehmen würde. Sie wußte, er würde ihr jeden Wunsch von den Augen ablesen. Sie würden eine sehr gute Ehe führen. Aber sie liebte ihn nicht. Konnte sie wirklich einen Mann heiraten, den sie nicht liebte, für den sie nur eine starke Zuneigung empfand und den sie schätzte?
Julie kam mit ihrer Puppe in die Küche. "Nellie möchte Waffeln mit Sirup essen", sagte sie. "Mit Ahornsirup."
"Ahornsirup haben wir nicht mehr", erwiderte ihre Mutter. "Außerdem ist es zu spät, um Waffeln zu backen. Da mußt du bis nächsten Samstag warten."
Sharon schaltete die Kaffeemaschine aus. "Setz dich schon immer an den Tisch", bat sie und schenkte Milch für ihre Tochter ein.
Es wurde neun, es wurde halb zehn. Beunruhigt blickte die junge Frau zur Uhr. Auch sie hatte längst mit dem Frühstück begonnen. Edward Brown gehörte nicht zu den Männern, die sich verspäteten. Gewöhnlich war er überpünktlich. Aber vielleicht war er in einen Verkehrsstau geraten. Dennoch...
"Wo bleibt denn Onkel Edward?" fragte Julie.
"Ich weiß es nicht." Sharon blickte erneut zur Uhr. Sie trank einen Schluck Kaffee. "Ich werde mal bei ihm zu Hause anrufen", entschloß sie sich. "Iß schön auf, Julie."
"Ja, Mommy."
Sie ging ins Wohnzimmer und wählte Edwards Nummer. Bereits nach dem dritten Klingelton meldete sich seine Haushälterin. "Oh, Sie sind es, Mistreß Miles", bemerkte sie mit seltsam klingender Stimme.
"Mister Brown wollte um neun Uhr bei mir sein", sagte Sharon. "Ist er noch zu Hause, Mistreß Stone?"
"Nein." Die Stimme der Haushälterin war kaum mehr als ein Flüstern. "Einen Moment bitte."
Die junge Frau spürte, daß etwas Furchtbares passiert sein mußte. Angst griff mit eiserner Faust nach ihrem Herzen. "Mistreß Stone!" rief sie in den Hörer. "Mistreß Stone..."
"Inspektor Harper", meldete sich eine dunkle Stimme.
"Inspektor?" Sharon fiel es schwer durchzuatmen. "Was ist denn passiert? Hatte Mister Brown einen Unfall?"
"Es tut mir leid, Mistreß Miles", erwiderte Inspektor Harper, "aber Ihr Arbeitgeber ist tot. Er wurde heute morgen auf einem Parkplatz in der Nähe des Hyde Parks gefunden."
"Tot? Hatte er einen Herzanfall?" Noch während sie diese Frage stellte, wurde sich Sharon bewußt, daß Edward nie etwas an seinem Herzen gehabt hatte. "So antworten Sie mir doch. Was ist passiert? Was...?""Nein, Mister Brown hatte keinen Herzanfall", erwiderte der Inspektor. "Soweit wir inzwischen herausgefunden haben, hat Mister Brown gestern kurz nach Mitternacht Selbstmord verübt. Er hat sich am Steuer seines Wagens erschossen...