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Anne Alexander
Das Schloß der verlorenen Seelen 

Alte Rechtschreibung 
 

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Camilla Corman nimmt sich ihrer verwaisten Halbschwester Laura an. Damit sich das kleine Mädchen schneller von dem schweren Unfall erholen kann, bei dem seine Eltern um Leben gekommen sind, fährt sie mit ihm zu entfernten Verwandten nach Schottland. Auf Danemore Castle werden sie herzlich aufgenommen. Laura freundet sich mit Donald und Edmund, den zehnjährigen Zwillingen ihrer Gastgeber an. Und sie findet auf dem Schloß auch Cathy, das kleine Mädchen, von dem sie bereits in London gesprochen hat und das vor über hundert Jahren auf geheimnisvolle Weise gestorben ist.

Eines Tages entdeckt Laura auf dem Dachboden des Schlosses eine verborgene Kammer mit einigen Bildern, auf denen Kinder vor Danemore Castle abgebildet sind, und einer altmodischen Puppe, die eine seltsame Faszination auf sie ausübt.

Bald darauf wird Laura kank. Kurz bevor sie ins Koma fällt, klammert sie sich noch an ihre Schwester. "Er nimmt meine Seele", flüstert sie ihr zu. "Er wird sie in ein Bild sperren wie er es mit den anderen getan hat..."

Gemeinsam mit dem Mann, den sie liebt, versucht Camilla das Leben ihrer Schwester zu retten und kommt dabei einem entsetzlichen Geheimnis auf die Spur.


Leseprobe:

Camilla huschte die Treppe hinauf. Ihre kleine, sehr verwinkelte Wohnung erstreckte sich über zwei Stockwerke in einem Londoner Mietshaus. Sie liebte diese Räume und hatte sie während der vergangenen Jahre mit viel Sorgfalt eingerichtet. Es erschien ihr unmöglich, diese Wohnung jemals aufzugeben.

Vorsichtig öffnete die Lehrerin die Tür des Gästezimmers. Ihre Mutter hatte die Vorhänge bereits aufgezogen. Laura schlief noch. Ihre blonden Locken lagen wie ein Schleier auf dem Kissen. Camilla setzte sich zu ihr aufs Bett. Liebevoll berührte sie die Hand des kleinen Mädchens.

Laura blinzelte. Sie preßte die Lippen fest zusammen, um nicht zu lachen.

"Mir kannst du nichts vormachen, Lovely. Du bist wach", stellte die junge Frau fest und begann, ihre kleine Schwester zu kitzeln.

"Das ist gemein", beschwerte sich Laura kichernd. Dann richtete sie sich auf und schlang die Ärmchen um Camilla. "Ich habe dich ja so lieb", bekannte sie. "Warum kommst du nicht mit uns nach Frankreich? Es wären die schönsten Ferien meines Lebens."

"Sie werden auch ohne mich schön, Laura", erwiderte Camilla. "Mom macht bereits das Frühstück. Komm, geh dich waschen und zieh dich an, sonst bekommst du nichts zu essen."

"Nur leere Versprechungen, nur..." Lauras Lachen erstarb. Ihre blauen Augen wirkten plötzlich leer.

"Was hast du?" fragte Camilla erschrocken.

Ihre Schwester schien sie nicht zu hören. Wie in Trance strich sie sich mit der Hand über die Stirn, kniff die Augen zusammen.

"Laura!" Camilla rüttelte ihre kleine Schwester sanft bei den Schultern. "Laura!"

Die Kleine zuckte zusammen. In ihre Augen kam wieder Leben. "Ich geh mich waschen", sagte sie, wand sich aus Camillas Armen und lief barfuß ins Bad.

Die junge Frau die Treppe hinunter. Sie wußte aus Erfahrung, daß es keinen Sinn, in ihre Schwester zu dringen, wenn diese in so einer Stimmung war. Doch sie erzählte ihrer Mutter von Lauras merkwürdigem Verhalten. "Ich möchte nur wissen, was sie von Zeit zu Zeit hat", meinte sie besorgt. "Vermutlich wäre es besser, mit ihr einen Arzt aufzusuchen."

"Laura ist ein ganz normales kleines Mädchen. Allerdings mit einer etwas übersteigerten Fantasie", erklärte Nancy Randall. Du weißt doch, was sie manchmal für Geschichten erzählt, von Sachen, die irgendwann passieren werden."

Camilla kannte diese Geschichten, aber sie verstand nicht, daß ihre Mutter so einfach darüber hinwegging. Immerhin war einmal sogar eingetroffen, was ihre kleine Schwester prophezeit hatte. Es war vor einem Jahr gewesen, am Weihnachtsabend. Laura hatte von einer riesigen Lawine gesprochen, die irgendwo hinuntergehen würde und viele Menschen mit sich reißen.

Am nächsten Tag hatten sie von einem Lawinenunglück in den Schweizer Bergen gehört.

"Zufall, nichts als Zufall", hatte ihr Stiefvater gesagt und Laura in die Arme genommen. "Wir haben neulich erst zusammen einen Film über Lawinen gesehen. Es ist nichts, worüber man sich Sorgen machen müßte."

Aber Camilla machte sich Sorgen, doch schließlich konnte sie ihre Mutter nicht zwingen, mit Laura einen Arzt aufzusuchen.

Sie deckte den Tisch auf der Terrasse und wollte gerade mit ihrer Mutter draußen Platz nehmen, als auch Laura kam. Das kleine Mädchen trug Jeans und ein farbiges T-Shirt. Sein Haar hatte es nur mit einem Gummi im Nacken zusammengebunden. Im Arm hielt es seine Puppe.

"Guten Morgen, Darling." Nancy Randall zog die Kleine an sich, doch Laura reagierte nicht darauf. "He, was hast du denn?" Liebevoll strich sie ihr durch die Locken. "Träumst du mit offenen Augen?"

Laura gab ihr keine Antwort. Sie wand sich aus dem Arm ihrer Mutter, setzte die Puppe auf einen Stuhl und trat an die Terrassenbrüstung. Über die Dächer Londons hinweg schaute sie in die Ferne.

Camilla warf ihrer Mutter einen kurzen Blick zu. "Laura, erzähl uns, was du siehst", bat sie leise und legte den Arm um die schmächtigen Schultern ihres Schwesterchens. "Laura, was ist passiert?"

Laura wandte sich um. "Ich hatte einen Traum", sagte sie mit einer Stimme, die aus der Tiefe zu kommen schien. "Ich habe ein Schiff gesehen. Wir waren auf dem Schiff: Daddy, Mammy und ich. Es war kalt, dunkel. Es gab einen gewaltigen Ruck, und dann schlug das Wasser über dem Schiff zusammen. Ich..."

"Laura, was erzählst du da?" fiel ihr Nancy Randall ärgerlich ins Wort. "Du sollst dir nicht immer solche Geschichten ausdenken."

"Nein, bitte." Camilla schüttelte unwillig den Kopf. Dann wandte sie sich wieder ihrer Schwester zu. "Was geschah weiter, Laura?" fragte sie.

"Ich war in einem Schloß. Es war schön dort. Um das Schloß herum gab es weite Wiesen und Wald. Und ich hatte eine Freundin, ein Mädchen namens Cathy. Ein seltsames Mädchen. Ich konnte durch es hindurchsehen. Cathy führte mich durch das Schloß. Ihre Puppe trug eine gelbe Haube und ein blutverschmiertes Kleid."

"Jetzt reicht es, Laura." Nancy Randall griff nach ihrer Tochter und zwang sie, sich an den Tisch zu setzen. "Hör jetzt mit diesen Geschichten auf. Träume sind Schäume - du mußt dich nicht darüber beunruhigen. Wer weiß, was du wieder gelesen hast."

Camilla beschloß, im Moment nicht weiter auf Lauras Traum einzugehen, aber sie machte sich große Sorgen. Immerhin wollte ihre Familie in der Nacht zum Dienstag mit der Fähre von Southampton nach Cherbourg übersetzen.

Sie sprachen während des Frühstücks über alles mögliche. Laura schüttelte die Erinnerungen an ihren Traum ab. Sie wurde wieder zu dem fröhlichen kleinen Mädchen, das sie meistens war. Nachdem sie gegessen hatten, wollte sie ihrer Puppe noch rasch etwas anderes anziehen.

"Beeil dich, Laura. Du weißt, wir wollen nachher noch einkaufen gehen!" rief ihr Mrs. Randall nach.

"Nur ein paar Minuten, Mammy." Laura winkte ihnen zu und rannte davon.

"Wäre es nicht besser, ihr würdet fliegen?" fragte Camilla, als sie mit ihrer Mutter alleine war.

"Du wirst doch nicht plötzlich abergläubisch sein, Camilla?" meine Nancy Randall. "Nein, ich denke nicht daran, mich von Lauras Träumen verrückt machen zu lassen, zumal ich mir nicht einmal sicher bin, ob es überhaupt Träume sind. Laura ist zwar erst sieben, aber sie liest sehr viel. Zudem schaut sie auch Fernsehen. Ich habe oft den Verdacht, daß sie all die Geschichten, die durch Bücher und Fernsehen auf sie einströmen, zu ihren Träumen verwebt."

"Und doch wäre es besser, ihr würdet nicht die Fähre nehmen. Vergiß nicht, die Lawine. Laura sprach von einem Lawinenunglück, und am nächsten Tag..."

"Zufall, nichts als Zufall", erklärte ihre Mutter resolut und stand auf. "Waschen wir das Geschirr ab, sonst kommen wir nicht mehr rechtzeitig in die Stadt. Immerhin haben wir viel vor. Wir wollten ja nicht nur einkaufen gehen, sondern Laura auch noch den Tower zeigen."

"Wie du meinst." Camilla erhob sich ebenfalls und begann, das Geschirr zusammenzustellen. Sie versuchte sich einzureden, daß ihre Mutter recht hatte, daß Lauras Träume nichts bedeuteten, und daß die ein-, zweimal, wo sie wirklich ein späteres Ereignis vorausgesagt hatte, nicht als Zufall gewesen waren.

"Nichts ist schöner als eine nächtliche Fährfahrt", schwärmte Nany Randall, als sie gemeinsam in der Küche standen und sich dem Geschirr widmeten. "Also, mach nicht so ein besorgtes Gesicht."

"Schon gut." Die junge Frau stellte einen Teller in den Schrank. "Im Grunde bin ich ja nicht abergläubisch, aber Laura kann einem manchmal wirklich Angst machen. Sie ist so anders als andere Kinder, so..."

"Laura ist ein ganz normales Kind", fiel ihr ihre Mutter ins Wort, "aber du könntest mal nachschauen, wo sie bleibt. Und kämm ihr bitte noch einmal die Haare. So können wir nicht mit ihr in die Stadt."

Camilla ging zum Gästezimmer hinauf. Ihre Schwester saß auf dem Bett und hielt ihre Puppe im Arm. Sie sagte etwas zu der Puppe, was die Lehrerin nicht verstehen konnte, schien überhaupt nicht zu bemerken, daß sie nicht mehr alleine war.

Ich habe Angst, dachte Camilla, aber sie wußte auch, daß ihre Mutter nicht nachgeben würde. Kurz überlegte sie, ob sie nicht ihren Stiefvater anrufen sollte, um ihm von Lauras Traum zu erzählen. Dann verwarf sie diesen Gedanken wieder. Steven würde sie auslachen. Er würde genauso wenig bereit sein, ein Flugzeug zu benutzen wie ihre Mutter.