Janice Baker verliert durch einen Autounfall ihren Mann und ihren kleinen Sohn David, sie selbst wird schwer verletzt. Nach einem langen Krankenhausaufenthalt kommt sie in eine Reha-Klinik, um wieder richtig laufen zu lernen. Dr. Walter Thornbeery, der vor einem Jahr Frau und Kinder verloren hat, nimmt sich ihrer an. Es gelingt ihm, ihr neuen Lebensmut zu geben.
Obwohl ihre Schwiegereltern ihr angeboten haben, bei ihnen zu leben, lehnt Janice es ab. Sie möchte noch einmal ganz von vorn anfangen. Deshalb kauft sie sich ein altes Haus in Cornwall. Es liegt auf einer hohen Klippe am Meer.
Das Haus wirkt etwas unheimlich, doch Janice fühlt sich in ihm wohl. Sie richtet sich in ihm ein, verbringt viel Zeit am Meer und bei Spaziergängen. Hin und wieder begegnet ihr ein kleines Mädchen mit langen, blonden Haaren. Es trägt immer dasselbe, lange Kleid, gleich ob die Sonne scheint oder es regnet. Wenn sie die Kleine anspricht, dann antwortet sie ihr nicht, sondern rennt davon.
Nach und nach erfährt Janice, dass vor zehn Jahren das Haus einer Familie aus London gehörte, die hier immer den Sommer verbrachte. An ihrem fünften Geburtstag sind Maureen und ihre Mutter an den Strand gegangen. Maureens Mutter ist dort vor den Augen ihrer Tochter ermordet worden. Darüber hat Maureen den Verstand verloren und vegetiert seit dieser Zeit wie ein seelenloses Wesen in einem Pflegeheim dahin.
Walter Thornberry besucht Janice. Sie erzählt ihm diese Geschichte und auch, dass sie glaubt, Maureen zu sehen. Walter rät ihr, herauszufinden, in welchem Heim Maureen lebt. Er will ihr dabei helfen. Er meint, dass es etwas zu bedeuten hätte, dass sie das Kind immer sieht.
Die junge Frau fährt nach London. Sie bekommt heraus, wo Maureen ist und besucht sie. Maureen ist jetzt fünfzehn. Es kommt Janice vor, als würde das Mädchen auf sie reagieren.
Wieder in Cornwall nimmt sie Davids Lieblingsteddy mit in ihr Schlafzimmer. In der Nacht wacht sie auf, weil sie glaubt, Kinderstimmen zu hören. Es ist mehr ein Flüstern und Kichern um sie herum. Sie ist sich ganz sicher, dass es die Stimme eines Mädchens und Davids ist.
Sie telefoniert mit Walter und erzählt ihm davon. Er sagt, dass er ohnehin Urlaub hätte und nach Cornwall kommen würde. Er mietet sich in dem kleinen Dorf ein, das in der Nähe des Hauses liegt.
Janice bespricht mit Walter, Maureen, die sie mehrmals besucht hat, zu sich zu nehmen. Sie sagt, dass sie wieder eine Aufgabe brauchen würde.
Walter kehrt zu seiner Arbeit zurück. Janice wacht von einer Kinderstimme auf. David scheint an ihrem Bett zu stehen. Er sagt, sie soll sofort mit Maureen zum Strand hinuntergehen. Janice streckt die Hand aus, sie faßt durch David hindurch.
Unten am Strand sieht sie, wie aus einer der Höhlen das kleine, blonde Mädchen kommt. Maureen steht auf. Die beiden gehen aufeinander zu und verschmelzen miteinander. Im selben Moment schreit Maureen auf und starrt Janice an.
Maureens Seele ist in ihren Körper zurückgekehrt. Noch kann sie sich nur schwach an die Ereignisse vor zehn Jahren erinnern, doch mit jedem Tag der vergeht, wird die Erinnerung deutlicher und sie zu einer Gefahr für den Mörder ihrer Mutter. Es gibt für ihn nur einen Weg, seinen Hals aus der Schlinge zu ziehen, er muss Maureen töten. Als Janice und Walter erkennen, in welcher Gefahr das Mädchen schwebt, ist es schon fast zu spät.
Langsam trat sie an den Zaun und schaute auf den Strand hinunter. Das kleine Mädchen, das sie schon so oft gesehen hatte, hockte nahe dem Wasser im Sand und baute eine Burg. Seine Puppe lag nur wenige Zentimeter von ihm entfernt.
Obwohl Janice wusste, wie leichtsinnig es war, mit Hausschuhen den steilen Klippenpfad hinunterzusteigen, verließ sie den Garten und machte sich auf den Weg zum Strand.
Der Abstieg war bei Dunkelheit noch schwieriger als am Tag. Immer wieder musste sich die junge Frau an einem Stück Felsen oder an einem Strauch festhalten. Schon nach wenigen Metern bereute sie es, sich auf dieses Abenteuer eingelassen zu haben, umkehren wollte sie allerdings jetzt auch nicht mehr. Sie wollte endlich wissen, was es mit diesem Kind auf sich hatte.
Es schien endlos zu dauern, bis Janice das Ende des Klippenpfades erreicht hatte. Sie zog sich ihre Hausschuhe aus und ging durch den kühlen Sand. Das Brausen und Tosen der Wellen, die auf den Strand zu rollten, erfüllte die Luft. Einen Moment blieb sie stehen und beobachtete, wie die Gischt sich an einer Klippe wenige Meter vom Ufer entfernt brach. Es war ein faszinierendes Schauspiel. Sie hatte sich von jeher gern am Meer aufgehalten. Stundenlang konnte sie dem Spiel der Wellen zuschauen und auf das Kreischen der Möwen lauschen.
Das kleine Mädchen hockte noch immer im nassen Sand. Unermüdlich baute es an seiner Burg, deren größter Teil mit jeder Welle, die über das Ufer glitt, fortgespült wurde. Es schien so in sein Spiel vertieft, dass es alles um sich herum vergessen hatte.
Ganz langsam ging die junge Frau auf das Kind zu. Ihre bloßen Füße hinterließen im Sand Abdrücke, die sich mit Wasser füllten und ausgelöscht wurden.
Sie hatte das Mädchen fast erreicht, streckte bereits die Hand nach ihm aus, als es aufsprang, blitzschnell nach seiner Puppe griff und davonrannte.
"Warte!", rief Janice. "Bitte, warte!"
Das kleine Mädchen bog um eine Klippe und war verschwunden.
Janice stieß heftig den Atem aus und schaute nachdenklich auf die Burg hinunter. Das Wasser hatte sie bereits bis auf ein feuchtes Häufchen Sand fortgetragen. Sie bückte sich und griff in den nassen Sand. Langsam ließ sie ihn durch ihre Finger rinnen.
Die junge Frau entschloss sich, dem Kind zu folgen. Eilig lief sie am Ufer entlang, watete ein paar Meter durch seichtes Wasser, um an einer Klippe vorbeizugehen, die ins Meer hineinführte, und erreichte die Bucht, in der man vor zehn Jahren Joans Leiche gefunden hatte. Allerdings hatte Janice keine Ahnung, dass der Mord hier geschehen war.
Von dem Kind war weit und breit nichts zu sehen. Der Mond stand jetzt genau über ihr. Janice schaute zu den Höhlen, die von seinem Licht getroffen wurden. Ohne, dass es ihr selbst bewusst war, stieg sie zu ihnen hinauf. Hier war der Sand trocken. Nur bei Sturm reichte das Wasser soweit hinauf.
In ihrer Jugend hatte Janice unzählige Bücher über die Schmuggler gelesen, die in diesen Höhlen wahre Schätze versteckt hatten. Sie hatte davon geträumt, die Höhlen zu erforschen und die geheimen Gänge zu finden, die in irgendeinem Schloss oder einer Kirche endeten. Jetzt war ihr allerdings nicht nach derartigen Abenteuern zumute. Trotzdem betrat sie eine der Höhlen.
Die junge Frau war erst ein paar Schritte in die Höhle hineingegangen, als ihr bewusst wurde, was sie tat. Ich kann nur verrückt sein, dachte sie erschrocken. Die Dunkelheit, die sie umgab, machte ihr Angst. Aber es schien nicht nur ihre eigene Angst zu sein, die sie spürte, sondern auch noch die eines anderen Wesens.
"Kleine, bist du hier?", fragte sie in die Dunkelheit hinein. "Bitte, antworte. Ich will dir nichts tun."
Bis auf das Tosen des Meeres, das gedämpft zu ihr drang, und das laute Schlagen ihres Herzens, blieb es um sie herum still.
Janice wollte fliehen, stattdessen ging sie noch weiter in die Höhle hinein. Und dann sah sie trotz der Dunkelheit plötzlich wieder dieses Kind. Umgeben von einem bläulichen, diffusen Licht, hockte es angstvoll zusammengekauert in einer Nische und hielt seine Puppe fest an sich gepresst.
"Du musst dich nicht fürchten", sagte die junge Frau. "Na, komm." Mit ausgestreckten Händen ging sie auf die Kleine zu. Sie hatte sie schon fast erreicht, als es um sie herum mit einem Mal so dunkel wurde, als hätte sie sich dieses Licht, das sie gerade noch gesehen hatte, nur eingebildet.
Janice ging noch einen Schritt weiter. Sie stolperte über etwas, das am Boden lag, und wäre fast hingestürzt, wenn sie sich nicht noch im letzten Moment an der Höhlenwand hätte abstützten können. Verdammt, dachte sie wenig damenhaft. Sie bückte sich und griff nach dem Gegenstand, über den sie gestolpert war. Er fühlte sich wie eine Puppe an.
Ohne lange nachzudenken, hob die junge Frau die Puppe auf, dann tastete sie sich in die Nische, in der sie das Kind gesehen hatte. Sie war leer.
Janice gab es auf. Mit der Puppe in der Hand verließ sie die Höhle. Das schwache Mondlicht vor ihrem Eingang, wies ihr den Weg. Sie machte sich Sorgen um das Kind. Wo konnte es hingelaufen sein? Gab es in dieser Höhle womöglich einen dieser geheimnisvollen Gänge? Andererseits war sie unter Umständen einem Phantom gefolgt. – Und die Puppe?
Janice bückte sich und trat in das Mondlicht hinaus. Als ihr Blick auf die Puppe fiel, schrie sie erschrocken auf. Die Puppe, die sie in der Höhle gefunden hatte, wies nur noch entfernte Ähnlichkeit mit der des kleinen Mädchens auf. Sie war völlig verschmutzt, ihr Gesicht und die Kleidung vom Meerwasser verfärbt. Zudem fehlten ihr die meisten Haare und eines der Beine war von irgendeinem Tier angefressen worden.
Im ersten Moment wollte Janice die Puppe fallen lassen, stattdessen entschloss sie sich, sie nach Hause mitzunehmen. Sie war sich ganz sicher, dass sie Maureen gehörte. In St. Vincent hatte sie gehört, dass Joan Winslow am Geburtstag ihrer Tochter ermordet worden war. Es konnte durchaus sein, dass Maureen diese Puppe zu ihrem Geburtstag bekommen hatte.
Müde und dennoch bis ins Innerste aufgewühlt, kehrte Janice zum Ufer zurück. Sie wollte sich schon ihrem Haus zuwenden, als sie sich umdrehte und nach St. Vincent schaute. Bis auf die Straßenbeleuchtung lag der Ort in tiefster Dunkelheit. Ihr Blick wanderte zur Kirche hinauf, der Turm im Mondlicht silbern aufleuchtete. Eine dunkle Gestalt stand nahe dem Felsabsturz und schien zu ihr hinunterzublicken.
Janice spürte, wie sie zu frösteln begann. Die Puppe in der Hand eilte sie am Meer entlang. Sie hatte Angst, entsetzliche Angst und sie ahnte, dass sie dazu auch allen Grund hatte.